Psychologie: Was du von Terroristen lernen kannst

Täterwissen

Heute lernst du, wie du „Täterwissen“ erkennst und wie du das in deinem Alltag anwenden kannst.

Regelmäßige Leser meines Blog kennen Joe Navarro inzwischen. Er arbeitete viele Jahre beim amerikanischen FBI und hatte dort oft mit Schwerverbrechern zu tun. Nach seiner Karriere beim FBI schrieb er Bücher über das, was er dort lernte. Vor allem schrieb er über Körpersprache. (Meine früheren Artikel über Joe Navarro findet ihr hier…)

Navarro hatte auch mit Terroristen zu tun. Und heute möchte ich euch zusammenfassend aus Navarros Büchern erzählen, was ihr ganz persönlich von Terroristen lernen könnt.

Im ersten Teil des Artikels findet ihr die Erzählungen aus Joe Navarros Erfahrungen beim FBI und im letzten Teil erfahrt ihr, was ihr aus Navarros Erfahrungen für euer Leben lernen könnt.

Täterwissen: Stress-Indikatoren entlarven den Täter

Wenn Navarro Terroristen verhörte, achtete er besonders stark auf Stress-Indikatoren. Sobald er merkte, dass sein Gegenüber durch eine Frage gestresst ist oder dass die Frage ihn beschäftigt, wurde er hellhörig. In einem solchen Fall – schreibt Navarro – geht es darum, herauszufinden weshalb die andere Person diese Anzeichen von Stress an den Tag legt.

Navarro gibt ein Beispiel: Er befragt einen Verdächtigen über einen Fall, in welchem jemand durch eine Axt umgebracht wurde. Da in den Medien nichts über die Mordwaffe zu lesen war, kann nur der Täter wissen, um welche Waffe es sich beim Mord handelte: Falls der Verdächtige wirklich der Täter ist, wird er anders reagieren, wenn er nach einem Messer, einer Pistole oder einem Schlagring befragt wird als wenn ihn Navarro direkt auf eine Axt anspricht. Ein Unschuldiger würde auf alle Waffen gleich reagieren.

Hier spricht man von „Täterwissen„.

So erkennt ihr Stress-Indikatoren

Navarro merkte rasch, dass sich Menschen sehr häufig am Nacken berühren, wenn sie unter Stress stehen. Männer machen dies sehr deutlich, bei Frauen ist es ein wenig subtiler.

Das Interesse von Joe Navarro war geweckt und so stellte er Nachforschungen an. Dabei fand er heraus: Tatsächlich berühren wir uns im normalen Leben so gut wie nie am Nacken, außer in jenen Situationen, in denen wir uns wirklich unwohl oder gestresst fühlen.

Daraus folgerte er, dass dies ein sehr sicheres Zeichen dafür ist, dass sein Gegenüber mit der soeben gestellten Frage Mühe hat. Aus welchen Gründen auch immer.

Täterwissen: Verräterische Sprache

Doch damit nicht genug. Joe Navarro fand noch weitere spannende Dinge heraus. So kann man zum Beispiel auch an der Sprache erkennen, ob jemand eventuell mehr weiß, als er zugeben möchte.

Ein Beispiel:

  • Navarro (in einem Verhör): Besitzen Sie eine Smith&Wesson-Schusswaffe?
  • Verdächtiger: Ja.
  • Navarro: Wo bewahren Sie die Waffe auf?
  • Verdächtiger: Meine Waffe befindet sich in einem gesicherten Safe im Schlafzimmer.
  • Navarro: Haben Sie mitbekommen, dass in Ihrer Nachbarschaft eine Person mit einer Smith&Wesson umgebracht wurde?
  • Verdächtiger: Nein, das wusste ich nicht.
  • Navarro: Können Sie mir sagen, wo sich Ihre Waffe in diesem Moment befindet?
  • Verdächtiger: Ich bin mir nicht sicher, wo die Waffe ist.

Laut Navarro ist es sehr verdächtig, dass der Befragte plötzlich von „der“ Waffe und nicht mehr von „meiner“ Waffe spricht, als erwähnt wird, dass mit genau so einer Waffe ein Mord begangen wurde. Der Verdächtige versucht, sich durch die Sprache von seiner Waffe zu distanzieren. Dazu hat er laut Navarro aber nur Grund, wenn er auch tatsächlich etwas mit der Waffe zu tun hat.

Wäre kein Täterwissen vorhanden, hätte der Verdächtige nach wie vor von „meiner“ Waffe gesprochen, meint Navarro.

Was wir daraus für unseren Alltag lernen können

Auch zu Hause erleben wir ähnliche Situationen. Ein Beispiel:

Der Vater kommt abends von der Arbeit nach Hause, als seine Frau auf ihn zukommt. Die Tochter hat am Nachmittag Orangensaft über den die Computer-Tastatur des Mannes geleert, als die Mutter kurz nicht aufpasste. Die Ehefrau begrüßt ihren Mann und sagt: „Rate mal, was DEINE Tochter heute Nachmittag angestellt hat.“ Sie versucht, sich von der Tat zu distanzieren, weil sie ein nicht auf die Tochter aufpasste und nun ein schlechtes Gewissen hat.

Hätte die Tochter etwas tolles gemacht, dann hätte die Mutter sehr wahrscheinlich von UNSERER Tochter gesprochen: „Rate mal, welchen Platz UNSERE Tochter heute Nachmittag beim Ski-Rennen geholt hat?“

Es gäbe noch unzählige weitere Beispiele. Hier sind zwei davon:

  • Vater: „Hast du mein Geld genommen, das auf dem Küchentisch lag?“
  • Sohn: „Ich habe DAS Geld nicht genommen“
    (statt: DEIN Geld)
  • Bill Clinton: „But I want to say one thing to the American people. I want you to listen to me. I’m going to say this again: I did not have sexual relations with THAT woman, Miss Lewinsky.“

  • Übersetzung: „Ich will dem amerikanischen Volk nur etwas sagen. Ich möchte, dass sie das hören. Ich sage es nochmals: I hatte keine sexuelle Beziehung zu DIESER Frau, Miss Lewinsky.

Bill Clinton bemerkte seinen Fehler zwar noch und schob dann sofort den Namen „DIESER“ Frau nach, aber da war es schon zu spät. Ein klassischer Fall von distanzierter Sprache infolge Täterwissen.

Und auch die Berührungen im Nackenbereich, die ich am Anfang dieses Artikels angesprochen habe, können wir zu Hause sehr gut beobachten.

Versucht mal, in den nächsten Tagen in eurem Umfeld auf distanzierende Sprache und Berührungen im Nacken zu achten und erzählt uns dann unten in den Kommentaren von euren Erlebnissen. Ich würde mich freuen!

Kommentare

  1. Ist ein interessanter Punkt, habe auch das Buch von Navarro gelesen und dieses Clinton-Video wird ja auch bei „Lie to me“ gerne gezeigt :-)
    Stimmt schon, wenn man im Alltag mal mehr drauf achten würde, dann würde einem so viel interessantes ins Auge stechen.

    MIr fällt auch oft auf, dass die Leute im Fernsehen gerne sagen:
    „Hier kann man dann auf der Couch relaxen…“ anstatt..
    „Hier kann ICH auf der Couch relaxen…“
    Offenbar tritt diese Distanzierung auf, wenn Leute einfach so nervös sind, vermutlich wegen der Kamera. Vielleicht sind es auch Leute mit grundsätzlich wenig Selbstbewußtsein – keine Ahnung.

    Das ist auch das Problem, das ich mit Navarros Methoden habe. In einem Verhör pisst man sich grundsätzlich schon fast in die Hose, selbst wenn man unschuldig ist. Mir wird schon ganz übel, wenn mich die Polizei anhält um eine Routine-Alkoholkontrolle zu machen. Dabei weiß ich, dass nichts dabei rauskommen wird.
    Wenn Navarro also fragt, ob er weiß, wo die Waffe ist. Dann kann es auch gut sein, dass der Betroffene diese Distanzierung deswegen aus Reflex so macht, weil er Angst hat, dass er verdächtigt wird, weil er eine Smith&Wesson hat.

    Diese „nur Lügner werden nervös…“ – Denke führt daher auch zu krassen Fehlurteilen, weil insbesondere Ermittler der „guten, alten Schule“ darauf bauen. In der forensischen Psychologie werden daher Glaubwürdigkeigsgutachten eingesetzt, bei denen solche Merkmale keinerlei Rolle spielen.

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