Lance Armstrong: Wie seine Lügen entlarvt wurden

Lance Armstrong

Im heutigen Artikel zeige ich euch anhand eines Video-Interviews mit Lance Armstrong, wie wir bei einer Person Lügen erkennen können. Ihr lernt verbale und nonverbale Verhaltensweisen kennen, die auf Täuschung schließen lassen.

Spy the Lie

Zurzeit lese ich das Buch „Spy the Lie: Former CIA Officers Teach You How to Detect Deception“ von Philip Houston, Michael Floyd, Susan Carnicero und Don Tennant. Diese Personen arbeiteten alle im amerikanischen Geheimdienst CIA und kennen sich aus mit Täuschung und dem Aufdecken von Lügen. In ihrem Buch bringen sie dem Leser bei, wie man Lügen erkennt.

Was hindert uns daran, effektiv Lügen zu erkennen? Und wie können wir im Alltag Techniken einsetzen, welche die CIA im Umgang mit Schwerkriminellen und Terroristen auf höchster Ebene benutzt? Die Antworten findet ihr in diesem Buch. (Momentan nur auf englisch erhältlich.)

Lance Armstrong

Lance Armstrong ist war ein US-amerikanischer Profi-Radrennfahrer. Im Alter von 21 Jahren gewann er die Profi-Straßenweltmeisterschaft in Oslo. Von 1999 bis 2005 gewann er als erster und bisher einziger Fahrer in der Geschichte der Tour de France diese Rundfahrt siebenmal.

Wie es sich nun herausstellte, war dies offenbar – zumindest teilweise – nur mit Doping möglich. Am 24. August 2012 entschied die United States Anti-Doping Agency (USADA), Lance Armstrongs Ergebnisse vom 1. August 1998 bis 2005 zu streichen, alle Tour de France-Siege abzuerkennen und ihn lebenslang zu sperren.

Mehr Hintergrundinfos zu diesem Doping-Verfahren gibt es drüben bei Wikipedia.

Analyse seiner Aussagen

Wenden wir uns nun der Analyse eines Interviews zu, in welchem sich Lance Armstrong zu den Dopingvorwürfen äußert. Das Video stammt aus der Zeit, als noch nichts bewiesen war und die Vorwürfe einfach im Raum standen. Wie oben erwähnt ist der Fall inzwischen nahezu abgeschlossen und seine Schuld festgestellt worden. Doch bereits im nun folgenden Interview gab es deutliche Anzeichen dafür, das Armstrong log, als er die Doping-Vorwürfe bestritt.

Habt ihr die Anzeichen für Lügen und Unwahrheiten im Video gefunden? Phil Houston, Autor des zu Beginn erwähnten Buches, analysiert das Video wie folgt:

Im Video legt Lance Armstrong zahlreiche Verhaltensweisen an den Tag, welche auf Unwahrheiten hindeuten. Und dies sowohl im verbalen, als auch im nonverbalen Bereich (Körpersprache).

Das Video ist nur knapp über zwei Minuten lang. Trotzdem finden wir in dieser kurzen Zeit mindestens 25 Anzeichen für Lügen. Das ist untypisch häufig.

Bemerkenswert ist, dass Armstrong in den 127 Sekunden dieses Videos nur ein einziges Mal tatsächlich die Dopingvorwürfe direkt bestritt. Warum ist das bemerkenswert? Wenn eine ehrliche Person mit solchen Vorwürfen konfrontiert wird, tendiert sie dazu, die Fakten in den Vordergrund zu stellen; Fakten, die ihre Unschuld klar beweisen. Außerdem wird eine ehrliche Person die Vorwürfe so oft wie möglich direkt bestreiten. Unter „direkt“ verstehen wir Aussagen wie: „Ich habe keine Drogen genommen.“ oder „Ich habe es nicht getan.“.

Wenn die Person jedoch nicht ehrlich ist und die Vorwürfe tatsächlich zutreffen, dann wird sie diese eher nicht so direkt abstreiten, sondern ein Verhalten an den Tag legen, welches Experten als convincing behavior oder convincing statements bezeichnen. Darunter verstehen wir Verhaltensweisen, die das Gegenüber von meiner Unschuld überzeugen sollen ohne dass ich mir die Mühe nehmen muss, die Anschuldigungen direkt zu bestreiten (denn dies stellt – für die meisten Menschen – eine große psychologische Herausforderung dar).

Eine unehrliche Person wird also versuchen, uns durch überzeugende Aussagen auf ihre Seite zu bringen und weniger durch das Vortragen von Fakten und Beweisen.

Als Lance Armstrong im Video gefragt wird, ob er unmissverständlich („unequivocally“) sagen kann, dass er niemals illegale Substanzen zu sich genommen hat, antwortet er:

„Why would I then enter into a sport and dope myself up and risk my life again?“
(Übersetzung: „Wieso sollte ich [nach dem Krebs] nochmals mit dem Sport beginnen, mich dopen und mein Leben nochmals riskieren?“)

Hört sich doch überzeugend an, oder? Tatsächlich lässt sich das untrainierte Ohr von solchen Aussagen überzeugen. Armstrongs Antworten erscheinen logisch und machen im ersten Moment Sinn. Doch wenn wir genauer hinschauen (beziehungsweise hinhören), merken wir, dass Armstrong die Frage gar nicht beantwortet hat. Wenn eine ehrliche und zu Unrecht beschuldigte Person gefragt wird, ob sie unmissverständlich sagen kann, dass sie niemals illegale Substanzen zu sich genommen hat, antwortet diese normalerweise mit: „Ja, ich kann ganz klar sagen, dass ich nie eine illegale Substanz eingenommen habe.“

Erwähnenswert ist auch die Aggression, die wir in manchen von Armstrongs Antworten finden. Wenn die Fakten nicht für einen sprechen und man sich durch die Fragen in die Ecke gedrängt fühlt, ist es nicht unüblich, dass man auf Angriff übergeht. Dieses Verhalten finden wir im Video zum Beispiel an jener Stelle, an welcher Lance Armstrong vom Journalisten auf die positiv getesteten B-Proben des Jahres 1999 angesprochen wird. Sofort attackiert Armstrong das Test-Prozedere als er sagt:

„It doesn’t make sense. (…) Why do you think they are still working on it? Because it doesn’t work.“
(Übersetzung: „Das macht keinen Sinn. (…) Was denkst du, warum arbeiten die immer noch daran? Weil es nicht funktioniert.“)

Diese Antworten enthalten klare Anzeichen von Täuschung. Wenn die Fakten fehlen, reagieren viele Menschen instinktiv damit, in die Offensive zu gehen. So auch Lance Armstrong.

Die Körpersprache

Bisher schauten wir uns vor allem die verbalen Verhaltensweisen an. Nun kommen wir noch auf Armstrongs Körpersprache zu sprechen.

Zweimal finden wir im Video Anzeichen von duping delight. Einen deutschen Ausdruck dafür gibt es meines Wissens nicht.

Duping delight ist die Freude, die wir haben, wenn wir jemanden in unserer Kontrolle haben oder manipulieren können. Und man findet sie auch dort, wo ein Lügner das Gefühl hat, mit seiner Geschichte davonzukommen. Duping delight findet man aber auch am Pokertisch, wenn jemand eine sehr gute Hand hat und die anderen Spieler eine Menge Geld in den Pot werfen. Dort äußert sich die Freude meist in einem Lächeln, das in einem Sekundenbruchteil über das Gesicht huscht.

Im Interview mit Lance Armstrong finden wir die duping delight zweimal. Das erste mal bei der Frage nach Klagen, mit denen Armstrong konfrontiert ist, das zweite Mal bei der Frage nach den B-Proben aus dem Jahr 1999. Offenbar hat Armstrong zum Zeitpunkt des Interviews immer noch das Gefühl, mit seiner Geschichte durchzukommen.

Bei der Frage nach den B-Proben erkennen wir bei Armstrongs Körpersprache noch etwas anderes sehr deutlich: Das Händeringen, welches er hier an den Tag legt, zeugt von Besorgnis und innerer Anspannung. Es scheint, als ob Lance Armstrong zwar noch das Gefühl hat, dass die Sache für ihn glimpflich ausgeht, er aber Angst hat vor weiteren Fragen, die das Blatt für ihn dann wenden könnten.

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