Blickkontakt im Fahrstuhl: Weshalb uns das schwer fällt

Fahrstuhl

Es ist immer das Gleiche: Kaum befinde ich mich in einem Fahrstuhl, verhalte ich mich ganz komisch. Blickkontakt mit anderen Leuten wird vermieden, es wird nicht gesprochen, ich bewege mich kaum und starre auf die Anzeige des Stockwerks, als gäbe es nichts Interessanteres. Doch nicht nur mir geht es so; zahlreiche Menschen verhalten sich im Fahrstuhl ähnlich. In diesem Artikel möchte ich darauf eingehen, weshalb das so ist.

Die persönliche Zone

Der amerikanische Anthropologe Edward T. Hall war zusammen mit seiner Frau Mildred Hall einer der Ersten, der sich mit dem Raumverständnis der Menschen befasst. Bereits in den frühen 60er-Jahren prägte er den Begriff Proxemik, den er dann 1966 in seinem Buch The Hidden Dimension genauer vorstellte.

Hall beschrieb die verschieden großen räumlichen Abstände, die Menschen zulassen beziehungsweise gegen Fremde auf verschiedene Weisen zu schützen versuchen. Diese Abstände – auch Distanzzonen genannt – muss man sich wie Kreise rund um einen Menschen vorstellen.

Dabei unterscheidet Hall die intime, die persönliche, die soziale und die öffentliche Distanzzone. Diese variieren je nach Vertrautheit zwischen Personen. So lasse ich zum Beispiel meine Freundin näher an mich heran, als meinen Chef oder einen Kunden an meinem Arbeitsplatz. Ich fühle mich auch dann noch wohl, wenn meine Freundin 20 Zentimeter neben mir steht, was ich bei gleicher Distanz bei einem mir unbekannten Menschen weniger behaupten kann.

Jedes Land ist ein Territorium mit einer klar festgelegten Grenze und manchmal durch bewaffnete Soldaten oder Grenzwächter an ebendieser bewacht. Innerhalb eines Landes gibt es üblicherweise kleinere Territorien, die man zum Beispiel Bundesstaat oder Bundesland nennt. Innerhalb dieser Einheiten gibt es noch kleinere Territorien; die Städte und Dörfer. Und innerhalb dieser gibt es Bezirke, Quartiere und Straßen, denen sich bestimmte Menschen zugehörig fühlen. Je nach Quartier oder Straße ist ein „Eindringling“ dann mehr oder weniger willkommen. Und wenn wir schlussendlich das Kino als kleine Einheit nehmen, ist zum Beispiel die Armlehne die Grenze, um die wir uns mit Fremden streiten.

Ihr seht: Überall gibt es Territorien und Grenzen, die wir gegen Eindringlinge und Fremde schützen und notfalls auch verteidigen wollen. Jeder Mensch hat seine eigenen Distanzzonen, die er gegen Fremde schützen möchte. Sein Haus zum Beispiel (abgegrenzt durch einen Gartenzaun), das Innere seines Autos, oder auch einfach sein ganz persönlicher Sessel im Wohnzimmer. Wehe, es setzt sich ein Besucher darauf!

Edward T. Hall hat herausgefunden, dass wir auch eine solche Distanzzone „mit uns herumtragen“, wenn wir unterwegs sind. Am besten stellt man sich diese Zone wie einen durchsichtigen Hulla-Hop-Reifen vor, den wir immer um unsere Hüften tragen und in welchen wir niemanden hineinlassen wollen.

Der persönliche Raum

Roaring lion

Bild © (cc) Tambako the Jaguar (flickr.com)

Löwen haben eine „persönliche Distanzzone“ von etwa 50 Kilometern. Wenn sich ein anderer männlicher Löwe in diesen Bereich wagt, hat er ein ernsthaftes Problem!

Wir sind glücklicherweise keine Löwen und lassen andere Menschen deutlich näher an uns heran. Und wir urinieren auch nicht in die Gegend, um unser Revier zu markieren.

Die Distanzzonen sind von Kultur zu Kultur verschieden. Für uns Westeuropäer gelten in etwa diese vier Zonen:

  1. DIE INTIME ZONE | Zwischen 15 und 45 Zentimeter | Dies ist die wichtigste aller Distanzzonen, weil sie von manchen Menschen geschützt wird wie ein wertvolles Eigentum. Nur Menschen, die uns emotional nahe stehen, dürfen diese Zone betreten. Dazu gehören zum Beispiel: Partner, Partnerin, Eltern, Kinder, enge Freunde, Verwandte und Haustiere. Die ersten 15 Zentimeter dieser Zone gehören sogar zu dem Bereich, in den nur ganz ausgewählte Personen eintreten dürfen, zum Beispiel bei intimem Körperkontakt. Die intime Zone wird betreten, wenn wir füstern, umarmen oder jemanden berühren.
  2. DIE PERSÖNLICHE ZONE | Zwischen 46 und 122 Zentimeter | Das ist die übliche Distanz zum Beispiel an einem Apéro, einer Cocktailparty, in einer Bar oder bei anderen gesellschaftlichen Anlässen, die der Kontaktpflege dienen.
  3. DIE SOZIALE ZONE | Zwischen 1.22 und 3.60 Meter | Diese Distanz halten wir zum Beispiel zu Handwerkern, die in unserem Haus etwas reparieren, zum Postboten, zum Mitarbeiter im Supermarkt, zu einem neuen Mitarbeiter und anderen Leuten, mit denen wir gezwungenermaßen etwas zu tun haben, ohne sie genauer zu kennen.
  4. DIE ÖFFENTLICHE ZONE | Alles über 3.60 Meter | Wann immer wir es mit einer anonymen Menschengruppe zu tun haben, ist dies die ideale Distanz.

Die oben genannten Werte sind Mittelmasse. Die Forschung von Edward T. Hall hat gezeigt, dass zwei Frauen eher näher beieinander stehen als oben angegeben und Männer eher weiter auseinander stehen als oben erwähnt.

So ganz langsam kommen wir nun zum Grund, weshalb wir uns in Fahrstühlen so verhalten, wie wir uns eben verhalten. Zuvor aber noch ein bisschen mehr Theorie.

Wir haben keine Probleme damit, Fremde in unsere persönliche und soziale Distanzzone zu lassen. Sobald aber eine mir unbekannte Person in meine intime Distanzzone tritt, führt dies zu körperlichen Reaktionen: Das Herz pumpt schneller, Adrenalin wird ausgeschüttet und Blut wird verstärkt ins Gehirn und die Muskeln gepumpt, als physische Vorbereitung auf eine so genannte fight or flight situation (Kampf oder Flucht).

Warum wir Fahrstühle hassen und in der S-Bahn ein Pokerface aufsetzen

Es gibt 6 ungeschriebene Fahrstuhl-Regeln:

  1. Sprich nicht. Mit niemandem!
  2. Vermeide zu jeder Zeit den Augenkontakt mit anderen Fahrstuhlfahrern!
  3. Setze ein Pokerface auf. Es dürfen keine Emotionen gezeigt werden!
  4. Wenn du eine Zeitung in den Händen hältst, starre ununterbrochen auf die Titelseite!
  5. Keine Körperbewegung ist erlaubt!
  6. Es gibt nichts interessanteres als die Anzeige des aktuellen Stockwerks!

Kommt dir das bekannt vor? Ich jedenfalls erkenne mich darin wieder.

Ein solches Verhalten zeigen wir ansatzweise auch in großen Menschenmassen bei Konzerten, in Kinos, beim Anstehen in einer Schlange oder eben in Zügen und in Bussen.

Der Grund: An diesen Orten werden wir dazu gezwungen, die intime Zone fremder Menschen zu betreten. Das lässt sich eben nicht verhindern. Wir können nicht jederzeit einen Abstand von deutlich über 45 Zentimetern zu unseren Mitmenschen halten.

Das Pokerface

Wenn wir nun in eine solche Situation geraten, versuchen wir, ein Pokerface aufzusetzen. Das ist der Versuch, die eigenen Gefühle und Emotionen vor anderen Menschen zu verbergen, um keine Schwächen zu zeigen. Als wir noch in Höhlen wohnten, war dies überlebenswichtig!

The people travelling on the Underground aren’t unhappy; they’re just masking their emotions.
Allan & Barbara Pease | The Definitive Book of Body Language

Crowded Link train on Sunday

Bild © (cc) litlnemo (flickr.com)

Der unglückliche, mürrische Gesichtsausdruck den wir in Fahrstühlen und Zügen sehen, hat also nichts damit zu tun, dass die Leute schlecht drauf sind oder sich ärgern. Sie wollen einfach ihre Gefühle nicht offenbaren. Genau so wie damals unsere Vorfahren, die Höhlenmenschen. Kein Wunder, wenn zum Beispiel die Bahnfahrer heute mit zwei, drei fremden Mitreisenden im gleichen Abteil sitzen und alle sich in der intimen Zone des anderen befinden. Da werden Ur-Instinkte geweckt.

Date im Restaurant

Vor einigen Tagen war ich auf einem Kurztrip unterwegs in Barcelona. Das Wetter war herrlich, man spürte den Frühling, die Sonne schien und der Himmel war wolkenlos. Nach einem erholsamen Spaziergang im Park Güell gingen wir in ein kleines, aber feines Restaurant im Stadtzentrum.

Park Güell Barcelona

Park Güell in Barcelona

Dort fielen mir ein junger Mann und eine junge Frau auf, die kurz nach uns ins Restaurant kamen und an einem Tisch in der Nähe saßen. Wenn man sich ständig und intensiv mit Körpersprache-Themen befasst – so wie ich es tue – dann fallen einem automatisch gewisse Dinge auf. So war es auch hier.

Ich merkte rasch, dass es sich bei den beiden nicht um ein Paar handelte. Aber der Mann schien definitiv interessiert zu sein an seiner Begleiterin. Möglicherweise war es ein erstes Date oder etwas in der Art.

Anfangs lächelte die junge Frau oft und flirtete auch mit ihrer Körpersprache: Sie spielte mit ihren Haaren, spiegelte viele seiner Bewegungen (trank einen Schluck Wasser, wenn er zum Glas griff, etc.) und ihre Füße zeigten direkt auf ihn.

Leider hielt das dann nicht lange an. Im Verlaufe des Abends schien sie das Interesse an ihrem Gegenüber verloren zu haben. Ganz im Gegensatz zu ihm! Je später der Abend wurde, desto mehr lehnte er sich in ihre Richtung. Spannend für mich zu beobachten: Wann immer er ihr noch ein Stück näher kam, lehnte sie sich ein Stück weiter nach hinten, um die Distanz zu wahren.

So leid mir die Dame auch tat, war es auf eine Art auch unterhaltsam, dieses Spiel zu beobachten. Ich wunderte mich nur, dass er ihr Desinteresse nicht bemerkte.

Das ging dann über eine halbe oder dreiviertel Stunde so weiter. Je mehr er sich ihr entgegenstreckte, desto mehr lehnte sie sich zurück. Es hätte nicht mehr viel gefehlt, damit sie nach hinten wegkippt, während er mit seinem Oberkörper bald den ganzen Zweiertisch überdeckte.

Es war so was von offensichtlich, dass sie nicht an ihm interessiert ist, und der arme Mann merkte es einfach nicht…

Was ist geschehen: Der Mann hatte definitiv Interesse an der Dame und wollte in ihre intime Zone gelassen werden. Sie aber wollte ihn nicht in die Zone lassen, in die wir nur uns emotional nahe stehende Menschen lassen, und hielt ihn auf Distanz.

Versucht das auch mal in einen Café in eurer Nähe zu beobachten. Achtet auf junge Paare, frisch verliebte, auf mögliche Dates. Wie ist deren Körpersprache? Seht ihr Anzeichen von Interesse oder Desinteresse? Ihr dürfte eure Beobachtungen auch gerne unten in den Kommentaren hinterlassen.

Fazit

Was lernen wir daraus? Genau so wie viele Tiere, hat auch der Mensch Distanzzonen, in die er nicht einfach so jeden hinein lässt. Sobald eine fremde Person in die intime Zone tritt, wird ein von Geburt an in unserem Körper programmierter Automatismus abgespielt. Wir versuchen dann unter anderem, unsere Emotionen zu verbergen. Das tun wir schon seit Jahrtausenden, deshalb fällt es uns so schwer, dieses Verhalten einfach abzulegen.

Concert Crowd (Osheaga 2009) - 30000 waiting for Coldplay

Bild © (cc) Anirudh Koul (flickr.com)

Wer mehr über dieses Thema und andere Dinge rund um Körpersprache erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch The Definitive Book of Body Language von Allan & Barbara Pease. (Im Moment nur auf Englisch erhältlich. Die deutsche Fassung wird am 14. Mai 2013 veröffentlicht und kann hier vorbestellt werden.) Aus der Beschreibung:

Was verraten meine Gesten über mich? Wie kann ich die körperlichen Signale anderer deuten? Warum kommunizieren Männer und Frauen auch nonverbal vollkommen verschieden? Diesen Fragen gehen Allan & Barbara Pease auf den Grund. Dabei beobachten sie nicht nur ganz alltägliche Phänomene der Körpersprache, sondern präsentieren auch Beispiele aus ihren Seminaren. Ein Muss für jeden Pease-Fan.

Hier kannst du die deutsche Version vorbestellen…

Wer ein weiteres Buch auf deutsch lesen möchte, dem empfehle ich Gefühle lesen – Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren von Paul Ekman. Ich habe dieses Buch vor einiger Zeit in der englischen Originalfassung gekauft, als es die deutsche Edition noch nicht gab. Hier ein Auszug aus dem deutschen Klappentext:

„Niemand auf der Welt hat Gesichtsausdrücke so intensiv untersucht wie Paul Ekman. In Gefühle lesen präsentiert er – klar, lebhaft und leicht zugänglich – seine faszinierenden Beobachtungen über die offenen und versteckten Ausdrücke von Gefühlen, denen wir Tag für Tag Hunderte von Malen begegnen, die wir aber so oft falsch verstehen oder gar nicht wahrnehmen. Seit Darwins Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tieren hat es kein derart breit angelegtes und einsichtsreiches Buch mehr zu diesem Thema gegeben.“
Oliver Sacks, Autor

„Paul Ekman hat mit Gefühle lesen ein wunderbares Buch vorgelegt, das helfen möchte, Emotionen richtig zu erkennen und zu interpretieren.“
Gehirn und Geist

„Ein Buch zum Verstehen. Ein Buch, das Mann und Frau lesen sollten.“
Amazon.de

„US-Psychologe Paul Ekman, Pionier der Mimikforschung, eröffnet mit seinem neuen Buch Gefühle lesen allen die Chance, Gefühle besser zu verstehen.“
Hamburger Abendblatt

„Ein herausragendes Beispiel populärwissenschaftlicher Literatur.“
New Scientist

„Gefühle lesen wird jeden Leser emotional intelligenter machen.“
Daniel Goleman, Autor von Emotionale Intelligenz

Befinden wir uns im Würgegriff unserer Gefühle? Oder vermögen wir unsere Emotionen zu kontrollieren? Spüren wir, wenn wir emotional werden, und spüren wir es rechtzeitig? Wie kündigt sich eine emotionale Reaktion in unserem Inneren an? Und sehen andere, was in uns vorgeht? Verrät uns das Gesicht unseres Gegenübers, was er oder sie gerade empfindet? Interpretieren wir Gefühlsausdrücke richtig? Und wie leicht lassen wir uns täuschen? Können wir lernen, unausgesprochene Gefühle bei uns und bei anderen sensibler wahrzunehmen und in angemessener Weise mit dieser Information umzugehen? So viele Fragen – und so wichtig für unser tägliches Miteinander.

Der renommierte Psychologe Paul Ekman entfaltet in diesem Buch ein faszinierendes Panorama der Erkenntnisse aus der Emotions- und Gesichterforschung. Er erläutert, wie Gefühle entstehen und wie sie sich in unserer Mimik äußern. Und er zeigt, wie wir dieses Wissen in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen praktisch anwenden können. Damit ist sein Buch beides: eine spannende Reise in ein facettenreiches Forschungsfeld und ein Leitfaden für einen bewussteren Umgang mit den eigenen Gefühlen und den Emotionen anderer.

Hier kannst du Gefühle lesen bestellen…

Wie fühlst du dich, wenn du in einer großen Menschenmasse bist? Was beobachtest du dabei bei anderen Leuten? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

Kommentare

  1. Es gibt in der Kommunikation wohl nichts gefährlichers, als die Körpersprache deuten zu wollen. Wobei es durchaus Signale gibt, die sich eindeutig interpretieren lassen. Es sind aber nur wenige und alles andere lässt enormen Spielraum für Spekulation und Fehlinterpretation.

    • Andreas Hobi sagt:

      Meines Erachtens hat die nonverbale Kommunikation eben schon eine sehr große Bedeutung. (Deshalb ja auch dieser Blog.) Nehmen wir nur mal als Beispiel ein Bewerbungsgespräch. Durch gezielten Einsatz der Körpersprache können wir den ersten Eindruck deutlich verbessern. Das gilt natürlich auch in anderen Situationen, sei dies nun im Beruf oder Privatleben.

      Aber auch das Lesen und Deuten der Körpersprache – sofern richtig umgesetzt – ist enorm wichtig. Joe Navarro hat dies in den USA genau so bewiesen wie auch Paul Ekman, um nur zwei Experten zu nennen. Wer sich für die Details interessiert, kann einen Blick in die zahlreichen wissenschaftlichen Studien von Ekman werfen.

      In meinen Artikeln habe ich bereits schon in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass man selbstverständlich nicht aus einer einzelnen Geste gleich eine Bedeutung herauslesen darf. Wenn wir die Körpersprache eines Menschen lesen, ist es wichtig, immer auf so genannte “Cluster” zu achten, die sich aus mehreren Signalen zusammensetzen. Denn mit der Körpersprache ist es wie mit der gesprochenen Sprache: Eine einzelne Geste alleine hat kaum eine Bedeutung. Das wäre, als ob wir versuchen würden, aus einem einzelnen Wort gleich auf den Charakter unseres Gegenübers zu schließen.

      Auf was wir achten müssen, sind “Cluster”, Ansammlungen von verschiedenen Gesten, Gesichtsausdrücken und Bewegungen. Genau so, wie wir bei der gesprochenen Sprache in Sätzen sprechen. Erst dann können wir die Körpersprache unseres Gegenübers entschlüsseln.

      Die Geschichte der Körpersprache (und deren Deutung) reicht übrigens weit zurück. Bereits Charles Darwin befasste sich in seinem Werk „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ damit.

      Jahre später war es Silvan Tomkins (Harvard University), der die Meinung vertrat, dass alle Menschen neun unterschiedliche Affekte besitzen, die genetisch programmiert und nicht kulturell erworben sind: Interesse/Begeisterung, Vergnügen/Freude, Überraschung/Erschrecken, Leid/Qual, Ärger/Wut und Angst/Grauen. Ein weiteres Paar ist entwicklungsgeschichtlich jünger: Scham/Demütigung. Die letzten zwei sind Ekel vor schlechtem Geruch (Tomkins erfand dafür das Wort dismell) und Ekel vor schlechtem Geschmack.

      Nach Tomkins gibt es charakteristische und global universelle Gesichtsausdrücke für die Affekte. Die Tatsache, dass selbst blind geborene Kinder diese charakteristischen Gesichtsausdrücke zeigen, wird als Beweis für die angeborene Natur der Affekte angeführt.

      Später war es Ray Birdwhistell (welcher an der University of Toronto, University of Lousville, University at Buffalo und der Temple University Philadelphia lehrte), der untersuchte, wie Menschen unbewusst Informationen über ihre Gesichtsausdrücke, Gesten und Bewegungen mitteilen. Der Begriff „Kinesik“ wurde durch ihn geprägt.

      Michael Argyle (Sozialpsychologe bei der University of Oxford) zeigte in einem seiner wissenschaftlichen Versuche den Probanden einige Videoaufnahmen. In den Aufnahmen ging es um unterwürfiges / dominantes Verhalten und die Probanden mussten feststellen, welches Verhalten die Personen im Video zeigten. Es stellte sich heraus, dass die Probanden anhand der Videos ohne Ton (wo sie nur die Körpersprache sahen) 4.3 mal häufiger richtig lagen als in Situationen, wo sie zwar den Ton aber kein Bild hatten. Argyle fand heraus, dass vor allem die Körperhaltung sehr deutlich den Status einer Person ausdrückte.

      Deshalb: Solange man seriös arbeitet, kann man durchaus aus der Körpersprache des Gegenübers etwas lesen. Dies wurde auch durch wissenschaftliche Studien in verschiedenen Universitäten belegt.

  2. Hans Grob sagt:

    Offenbar ist der Blogger als ehemaliger SBB-Mitarbeiter auch vom „Schweizerische Deutsch-Bundesbahn“-Virus angesteckt. Sonst wäre es ihm in den Sinn gekommen, das bei uns immer noch übliche „Lift“ statt das eher lächerliche „Fahrstuhl“ zu benutzen.

    Ich rede vom Virus, denn wer aufmerksam die Ansagen beachtet, findet einen merkwürdigen Stilwandel in den letzten Jahren: statt

    – Passagier : Fahrgast
    – Ausstieg in Fahrtrichtung links/rechts : überflüssig
    – Perron : Bahnsteig
    – Achtung : Vorsicht

    usw.

    Diese Aenderungen schlagen vor allem einen tieferen Graben zwischen uns und dem Welschland, der ganzen frankophonen und teilweise anglophonen Welt.

    • Andreas Hobi sagt:

      Genau, bei der Bahn (SBB) habe ich so einiges gelernt. Einer der wichtigsten Punkte: Die Interessen der Kunden stehen im Mittelpunkt. Bei der Arbeit haben wir uns daran zu orientieren, was für den Kunden das Beste ist und nicht daran, was wir selber als optimal befinden.

      Das soll hier auf dem interaktionsblog.de nicht anders sein.

      Nun, wer sind die Kunden (sprich: Leserinnen und Leser) dieses Blogs? Es sind Menschen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, Menschen aus hauptsächlich vier Nationen: Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein und Italien (Südtirol).

      Würde es hier nun Sinn machen, eine Sprache zu sprechen, die nur in einem dieser Länder verstanden wird, einfach aus dem Grund, weil ich aus diesem Land stamme? Oder ist es vielleicht optimaler, wenn ich einen Wortschatz verwende, der in allen Ländern verstanden wird?

      Ich habe mich für Letzteres entschieden. Aus egoistischen Motiven könnte ich selbstverständlich den in der Schweiz gebräuchlichen Wortschatz verwenden, das würde mir so einiges erleichtern. Ich habe mich aber entschlossen, mich der Mehrheit meiner Leser anzupassen, denn 71% der Besucher dieses Blogs kommen von außerhalb der Schweiz. Deshalb schreibe ich:

      Kneipe (statt Beiz)
      Leitungswasser (statt Hahnenwasser)
      Frühstück (statt Morgenessen)
      Abendessen (statt Nachtessen)
      Radler (statt Panaché)
      Karotte (statt Rüebli)
      Taschenmesser (statt Sackmesser)
      Laugenbrötchen (statt Silserli)
      Urlaub (statt Ferien)
      einkaufen (statt posten)
      Führerschein (statt Fahrausweis)
      parken (statt parkieren)
      Personalausweis (statt Identitätskarte)
      Taschentuch (statt Nastuch)
      Otto Normalverbraucher (statt Herr und Frau Schweizer)
      jemanden anrufen (statt jemandem ein Telefon geben)
      Schnuller (statt Nuggi)
      Klassenfahrt (statt Schulreise)

      Übrigens: Deutsche, die ein wenig schweizerdeutsch lernen möchten, werden hier fündig –> http://neu-in-der-schweiz.com/215/schwizerdutsch.html

      Deine Beobachtung stimmt natürlich, dass immer mehr schweizerdeutsche Ausdrücke verdrängt werden. Dies ist natürlich schade. Auf einer Website, die mit .de endet, schreibe ich aber trotzdem so, wie es im gesamten deutschsprachigen Raum (von dem die Schweiz nur ein kleiner Teil ist) gebräuchlich ist. Dazu gehört auch das Eszett, welches ich in meinen Artikeln verwende und welches man in der Schweiz nicht kennt.

      Außerdem (und das ist jetzt fast nur für Schweizer interessant) finden auch innerhalb der Schweiz Verdrängungen durch Wörter aus anderen Landesteilen statt. Es ist also nicht nur der Wortschatz aus dem Ausland, der „unsere“ Wörter auslöscht: Als Beispiel fällt mir da das schweizerdeutsche Wort „Fangis“ auf. Man benutzt es heute in der ganzen Deutschschweiz zwischen Bern und St. Moritz. Ursprünglich aber wurde dieser Begriff nur im Raum Zürich und in der Ostschweiz verwendet. Er hat also andere Dialektausdrücke mit ähnlicher Bedeutung verdrängt.

      • Hans Grob sagt:

        Dürrenmatt hat sich schon über seinen Helvetismus ‚Morgenessen‘ ausgelassen. Und das soll von einem Hannoveraner nicht verstanden werden? Und wenn er dann doch in die Schweiz kommt, ist er noch verlorener. Der Ausdruck Beiz wird sicher in Oesterreich sehr gut verstenden (Beisl), aber sollte schon ein weitläufigerer Ausdruck gefunden werden, wobei mir Kneipe nicht gefällt. In der Literatur sind Helvetismen kein Stein des Anstosses. Mir scheint, du wollest hier päpslicher als der Papst sein. Uebrigens spricht jeder Kardinal fast alle wichtigen westlichen Sprachen, ein Zeichen starker kultureller Ueberlegenheit gegenüber den Managern, die nur noch Englisch plappern wollen. Allgemein gibt es einen sprachlichen Ueberdruck des Norddeutschen gegen das Süddeutsche, obwohl wirtschaftlich und kulturell das Gegenteil der Fall ist. Vielleicht liegt der Grund darin, dass der Norden flacher, d.h. weniger strukturiert ist und so mit stärkerer Stimme spricht. Ich habe aber mal postuliert, dass Bayern, Schwaben, Württemberger, Schweizer, Tiroler ohne weiteres einen Staat bilden könnten, weil die Grundauffassungen recht ähnlich sind. Mir geht es aber vor allem um die Schweiz. Ihre Grundidee ist die Abwendung vom Deutschen Reich und die Bildung eines Uebergangsraums in die Welschen Lande im Süden und Südwesten. Falls solcher Raum fehlt, kommt es zu mehr Konflikten. Wenn nun die Deutschen nicht mal mehr ‚merci‘ und ‚Perron‘ und ‚Passagier‘ und ‚Billet‘ verstehen wollen, dann verabschieden sie sich aus einem weit grösseren Sprachraum als es der deutsche ist. Und wenn sie in die Schweiz einwandern und kein Französisch können, vertieft das den Rösti(pardon:Kartoffelbraten?)-Graben.

  3. Julie sagt:

    Ich finds super dass du allgemeinverständlich schreibst. Ansonsten säße ich hier wohl mit einem Wörterbuch.. :-)

    Beste Grüße aus Norddeutschland

  4. Erika Abdel sagt:

    Und ich dachte, dass es hier um KÖRPERSPRACHE geht, und nicht, wer welches Wort benutzt und wem welches Wort gefällt? Super Seite Andreas, mach weiter so, ich würde gerne noch weiter Interessantes von dir lesen.

    • Genau das hab ich auch grad gedacht… ;-) Körpersprache finde ich alles andere als nebensächlich. Habe viel mit Pferden zu tun, und da läuft ein Großteil der Kommunikation auf der körpersprachlichen Ebene ab.
      Danke für den interessanten Blog, auf den ich zufällig stieß.

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