WWM: Körpersprache deuten bei Günther Jauch

Sebastian Langrock bei Wer Wird Millionär

Am vergangenen Montag gewann Pokerprofi Sebastian Langrock bei Günther Jauch eine Million Euro. Geschafft hatte er es unter anderem deshalb, weil er in der Lage war, Jauchs Körpersprache zu lesen. Was ist da wirklich dran und vor allem: Wie geht das?

Bild: RTL

Es ist theoretisch tatsächlich möglich, die Körpersprache eines Quizmasters zu lesen. Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen das. Wie der amerikanische Psychologe Paul Ekman herausfand, verfügt der Mensch über sieben Basisemotionen: Wut, Freude, Überraschung, Ekel, Angst, Verachtung und Trauer. Diese Emotionen sind angeboren und universell. Man findet sie auf der ganzen Welt und alle Menschen drücken sie auf dieselbe Art und Weise aus. Mit einiger Übung ist es möglich, diese Emotionen auch in Mikroexpressionen zu erkennen, die sich bloß für Sekundenbruchteile zeigen.

Hinzu kommen individuelle Ticks und Besonderheiten, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Bei Günther Jauch zum Beispiel beobachte ich häufig das Hochziehen eines Mundwinkels. Diese Geste wird eigentlich als „Verachtung“ interpretiert. Bei Jauch aber scheint es ein individueller Tick zu sein, der auf keinen Fall auf diese Weise gedeutet werden sollte.

Theoretisch ist es also möglich, die Körpersprache des Gegenübers zu lesen. Auch wenn es sich beim Gegenüber um den bekanntesten Quizmaster Deutschlands handelt.

Konnte der Kandidat wirklich Jauchs Körpersprache lesen?

Zuerst müssten wir zur Beantwortung dieser Frage wissen, ob Günther Jauch die richtigen Antworten zu den Fragen bei Wer Wird Millionär jeweils sofort auf seinem Monitor angezeigt bekommt.

Aus früheren Sendungen weiß ich, dass dies nicht der Fall ist. Es ist möglich, dass Jauch die Antwort auf eine Frage von sich aus weiß. Wenn er die Antwort jedoch nicht kennt, bekommt auch er die Auflösung erst, wenn der Kandidat sich für eine der vier Auswahlmöglichkeiten entschieden hat.

Deshalb ist es nicht in jedem Fall möglich, aus Jauchs Reaktion gleich auf die richtige Antwort zu schließen, selbst wenn man ein noch so ausgezeichneter Körpersprache-Experte ist.

Mikroexpressionen bei Günther Jauch

Gehen wir nun davon aus, dass Jauch die Antwort auf eine bestimmte Frage kennt. Hier wäre es ohne weiteres denkbar, dass wir mit der entsprechenden Übung die eine oder andere Mikroexpression auf Jauchs Gesicht erkennen, sobald wir eine Aussage machen.

Sprechen wir zum Beispiel davon, dass wir zu Antwort B tendieren, ist es möglich, dass wir an Jauchs Gesicht erkennen, ob dies eine gute Idee ist oder wir doch besser einen Joker nehmen sollten.

Pokerprofis wie Sebastian Langrock sind Experten im Deuten solcher Mikroexpressionen. Und sie sind – im Gegensatz zum Großteil der Bevölkerung – auch in schwierigen Situationen (wie zum Beispiel eine Quizshow bei RTL) in der Lage, dies zu tun.

Beim Poker spricht man dabei von sogenannten Tells und Reads. Tells sind Regungen meines Gegenspielers, die mir etwas über sein Blatt verraten. Reads sind die Fähigkeiten, dank denen ich diese Regungen erkennen und deuten kann.

Wer sich näher für diese Thematik interessiert, dem empfehle ich das Buch Poker Tells: Psychologie und Körpersprache am Pokertisch von Mike Caro oder 200 Poker Tells von Joe Navarro.

Sympathie und Antipathie bei Günther Jauch

Studien zeigten, dass unsere Mimik lebendiger ist, wenn uns jemand sympathisch ist. Bei Günther Jauch ist es auch so. Bei Kandidaten oder Kandidatinnen, die ihm sympathisch sind, zeigt er deutlich mehr Gesichtsausdrücke als bei unsympathischen Kandidaten.

Sebastian Langrock, der am Montag die Million abräumte, wusste das. Deshalb versuchte er ganz gezielt, Günther Jauchs Sympathie zu gewinnen. Und das schaffte er dann auch.

Vorsicht vor zu viel Show

Es ist also tatsächlich möglich, die eine oder andere Info aus Jauchs Gesichtsausdrücken herauszulesen. Dies nützt uns aber nur dann etwas, wenn er auch die richtige Antwort kennt. Und das wird von Stufe zu Stufe unwahrscheinlicher.

Aufpassen müssen wir bei Jauch aus einem ganz anderen Grund: Er macht gerne einfach nur eine Show. Dazu gehören große theatralische Gesten mit den Händen, völlig überzeichnete Grimassen und Aussagen, die mehr Verwirrung stiften als dass sie dem Kandidaten helfen.

Dies führt dazu, dass wir als WWM-Kandidat aufpassen müssen, wenn wir die Körpersprache von Günther Jauch lesen wollen: Wir müssen uns ganz klar auf seine Mikroexpressionen konzentrieren und nicht auf Gesten, die er mit seinem Körper macht.

Sebastian Langrocks Publikum-Joker

Ganz anders schaut es mit Menschen aus dem Publikum aus. Die sind es sich nicht gewohnt, im Rampenlicht zu stehen. Und wie regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, kann man die Körpersprache eines Menschen, der unter Stress steht, besser lesen als die eines Menschen, der sich unter Kontrolle hat.

Ein Pokerprofi wie Sebastian Langrock ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Lage, ganz genau zu merken, wie sicher sich ein Publikumsjoker bei seiner Antwort ist. Hochspannend fand ich deshalb die Situation, als Langrock bei der 500’000 Euro-Frage den Zusatzjoker einsetzte. Julia aus Dresden stand auf und gab die richtige Antwort.

Rasch merkte Langrock, dass die Antwort ursprünglich aber von Julias Kollegin kam, die sich jedoch nicht getraute, aufzustehen. In der Sendung formulierte er es folgendermaßen:

Die eine weiß es, ist aber ein bisschen schüchterner, die andere diskutiert mit ihr, ist ein bisschen forscher und sagt: „Zack, komm, wir stehen beide auf.“ Die linke Dame weiß es wirklich, die rechte ist mehr so der Vermittler.

Langrock konnte die Situation also sehr gut einschätzen, durchschaute die beiden und wusste dann auch, dass die Antwort mit hoher Sicherheit stimmen muss.

Umgang mit Druck

Vorhin habe ich das Thema Stresssituationen / Druck angesprochen. Sebastian Langrock ist es sich als Pokerprofi gewohnt, unter Druck zu stehen und viele Augen oder Kameras auf sich gerichtet zu haben.

Deshalb kann er diesem Druck auch ganz gut standhalten und hat sich auch dann noch unter Kontrolle, als es um sehr viel Geld geht.

Seine Körpersprache-Kenntnisse, die er als Pokerprofi sammelte, kombiniert mit einer sehr aufwändigen Vorbereitung, logischem Denken, analytischem Verstand und der richtigen Auswahl der Joker führten dazu, dass er am Schluss die Million nach Hause nehmen konnte.

Kommentare

  1. Ein interessanter Artikel. Ich las jedoch, dass der Kandidat gar nicht so oft reales Poker spielt, sondern online zockt. Natürlich kann seine Fähigkeit, sein Gegenüber zu lesen von seinen Trainingsspielen kommen, seinen Ungang mit Druck und Kamera erklärt das dann aber nicht, oder?

    • Andreas Hobi sagt:

      Du hast Recht, der Kandidat spielt tatsächlich sehr oft online. Zwei bis drei mal die Woche die Nacht durch, wie er in einem Interview mal sagte. Dazwischen spielt er, soweit ich weiss, aber auch immer mal wieder in Casinos und er hat auch vor, einen Teil seines Gewinns dafür einzusetzen, nach Las Vegas zu reisen sowie in anderen Ländern Casinos zu besuchen. Deshalb gehe ich davon aus, dass er in beidem sehr geübt ist.

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